Bei IKEA ist so manches anders als bei anderen Möbelhäusern. Die Kunden werden a priori geduzt (außer in der Schweiz), die Produkte tragen einzigartige Namen, deren Vergabe schon fast eine Wissenschaft ist. Einmal drinnen, muss man labyrinthähnlich durchs ganze Haus laufen, um wieder hinaus zu kommen und die Montage treibt einem mitunter neben Schweißperlen auch Verzweiflungsfalten beim Lesen der Anleitung auf die Stirn. Ob geliebt oder gehasst – IKEA hat das Wohnen verändert. Dem schwedischen Riesen wurden im deutschsprachigen Raum daher kürzlich einige Ausstellungen gewidmet.
Die Geschichte des Möbelhauses beginnt mit der Geburt des schwedischen Gründers Ingvar Kamprad im Jahr 1926. Aus dessen Initialen, den Anfangsbuchstaben des elterlichen Bauernhofes (Elmtaryd) sowie seines Heimatortes (Agunnaryd) entstand der Name. Wenngleich böse Zungen mit Anspielung auf das Zusammenbauen der Möbel behaupten, IKEA sei eigentlich die Abkürzung für „Ich Kriege Einen Anfall“.
1956 war es, als der erste zerlegte und in eine der charakteristischen, platzsparenden Karton-Flachverpackungen gequetschte Tisch zur Selbstmontage verschickt wurde. Vom Unternehmen perfektioniert, ist die Zerlegbarkeit der Möbel heute eines der wichtigsten Designkriterien. Die Größe der Verpackung beeinflusst die Entwürfe.
„Nur schauen“, das gelingt bei IKEA selten. Denn spätestens bei den Fachabteilungen im Erdgeschoss angelangt, finden sich fast immer Servietten, Kerzen, ein Bilderrahmen, eine Pflanze oder anderer „Kleinkram“, der unbedingt mit nach Hause „muss“. Und wieder endet man an der Kassa – die inzwischen auch selbst bedient werden kann – mit einer verblüffend hohen Rechnung. Zumindest im Vergleich dazu, dass man eigentlich gar nichts kaufen wollte. Die „Accessoires“, die sogenannten „Satelliten“ (und nicht die Möbel) sind es auch, die den größten Umsatz bringen. Der Bestseller sind angeblich Teelichter.
Nach dem Bezahlen landet man schier unweigerlich im Schwedenshop: Mit dem Klassiker Köttbullar (Fleischbällchen), Blaubeersaft oder Daim-Kuchen, beim Schnellimbiss und einem selbstgezapften Eis als Nachspeise. Für eine Shopping-Pause bietet sich das Restaurant im Möbelhaus an. Manche kommen auch nur zum Essen hierher.
Das 1943 gegründete Unternehmen genießt großen Erfolg sowie internationale Verbreitung und prägt mittlerweile den weltweiten Geschmack. Das ist sowohl geschicktem Marketing als auch der Firmenphilosophie zu verdanken. Man könnte diese auf „Schönheit für alle“ reduzieren. IKEA hat es sich zum Ziel gesetzt, schöne, funktionale Möbel zu Preisen anzubieten, die sich möglichst viele Menschen leisten können. Relativ schnell und kostengünstig sind Veränderungen oder die Gründung eines eigenen Haushaltes möglich. In Österreich wird mit dem Slogan „Weil es dein Zuhause ist“ geworben. In Kanada genügte gar ein einziges Wort: „Fits!“ (Deutsch: „Passt!“) um die Botschaft an die Konsumenten zu bringen.
Das massentaugliche Design entsteht großteils in einer internen Abteilung, aber auch bekannte Designer entwerfen immer wieder Produkte für IKEA. So Niels Gammelgard (Sofa „Moment“, 1983), James Irvine (Schaukelstuhl „Gunghult“, 2002) oder Verner Panthon (Stuhl „Vilbert“, 1993). Seit 1995 gibt es die eigenen „PS Kollektion“.
Oft sind die Möbel über Jahre im Sortiment. Wer kennt zum Beispiel die Regalsysteme „Ivar“ (gibt es seit 1975) und das erfolgreichste IKEA-Möbel „Billy“ (mit Unterbrechung seit 1979) oder das Sofa „Klippan“ (seit 1978) nicht? Der Sessel „Pöang“ (von Noboru Nakamura) zum Beispiel kann sich mittlerweile als Designklassiker rühmen und wird immer noch hergestellt. Die skandinavische Moderne, geprägt von hellem Holz und klaren Linien, hat sich IKEA bis heute als kulturelle Marke bewahrt, wenngleich heute verschiedene Stile angeboten werden und bei Weitem nicht mehr nur mit Holz gearbeitet wird.
Heute ist die IKEA-Gruppe ein Unternehmen mit 123.000 Mitarbeitern in 39 Ländern und einem Jahresumsatz von mehr als 21,5 Milliarden Euro. 590 Millionen Menschen besuchten im Jahr 2009 eines der 268 Einrichtungshäuser weltweit. Das aktuelle Sortiment besteht aus ca. 9500 Einrichtungsgegenständen. Der neue Katalog für das Jahr 2011 ist in Österreich seit dem 16. August zu haben.
Am Hauptstandort Älmhult in Schweden gibt es ein eigenes IKEA-Museum. Im deutschsprachigen Raum hat die Münchner Pinakothek der Moderne unter dem Titel „Democratic Design – IKEA“ im Jahr 2009 dem Einrichtungshaus eine Ausstellung gewidmet. Anfang 2010 war im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe „Fenomen IKEA“ und bis Juli 2010 im Wiener Hofmobiliendepot „Phänomen IKEA“ zu sehen.
„IKEA gelingt es, qualitätsvolle Entwürfe in großer Menge zu produzieren und Design auf Basis dezidiert unternehmerischer und ökonomischer Strategien zu verwirklichen“, heißt es in der Beschreibung. Neben dem Versuch, Erfolgsfaktoren zu entschlüsseln und ausgewählte Objekte aus sechs Jahrzehnten designhistorisch einzuordnen, wurden Themen wie Systemmöbel oder Nachhaltigkeit exemplarisch dargestellt. Zum Nachlesen und –schauen ist die Ausstellung im Internet unter http://www.hofmobiliendepot.at/das-museum/ausstellungsarchiv/phaenomen-ikea.html gut dokumentiert.