Von verschnörkeltem Alpenkitsch im Lederhosenstil über einfache Steinbauten bis zu primitiven, mitunter aber zweckmäßigen Blechbaracken, kommt dem „gemeinen Wanderer“ an Schutz- und Jausenhütten in den Bergen fast alles unter. Die vor Kurzem neu erbaute Olpererhütte hingegen ist ein Statement - hinsichtlich Form, Material und Ausstattung – und dabei dennoch nicht aufdringlich.
Die Olpererhütte thront im Naturpark auf 2389 Metern in den Zillertaler Alpen oberhalb des Schlegeisspeichers. „Je höher ein Bauwerk liegt, umso reduzierter muss die Formensprache sein, damit es den robusten Bedingungen vor Ort entgegentreten kann“, schildert der Vorarlberger Architekt Hermann Kaufmann. Eine bewusst spartanische Antwort auf die exponierte Lage also.
Nicht alle fanden gleich Gefallen an Kaufmanns Entwurf, entsprach er doch so gar nicht dem gängigen Hüttenideal. So wurde etwa das große Panoramafenster im Gastraum, das den Blick auf den Zillertaler Hauptalpenkamm, mit dem Hochfeiler als höchstem Gipfel (3510 m) frei gibt, als ungemütlich kritisiert. Mittlerweile sind die meisten Kritiker verstummt, haben sich am Berg selbst davon überzeugt, dass das Gebäude „funktioniert“.
Kaufmann hat sich für eine Massivholzkonstruktion entschieden, die - da die Hütte nur im Sommer bewirtschaftet wird - eine Wärmedämmung überflüssig macht. Der Vorfertigungsgrad ist hoch, das Gewicht von Holz trotz hoher statischer Eigenschaften relativ gering. Die im Vergleich zur Ständerbauweise etwas schwerere massive Konstruktion wurde in Kauf genommen, dafür kamen keine Fremdmaterialien zum Einsatz. Sollte die Hütte einmal nicht mehr benötigt werden, kann sie an Ort und Stelle „zusammenfaulen“. Es steckt also auch ein ökologischer Gedanke hinter diesem Ansatz.
Früher, als Arbeitskraft und –zeit noch billig waren, wurde der Großteil der Schutzhütten aus Stein errichtet. Heute zählt insbesondere die Zeit als kostenrelevanter Faktor. Zudem ist der Materialtransport per Hubschrauber einfacher und billiger geworden. Holz wurde damit zur wirtschaftlichen Alternative.
Für die Olpererhütte heimste Kaufmann den „Holzbaupreis Vorarlberg“ und die Auszeichnung „best architects 09“ ein. Das Büro Kaufmann ist bekannt für seine Gebäudekreationen aus Holz. Gut 80 % der Arbeiten werden in diesem natürlichen, lebendigen Werkstoff ausgeführt. „Durch meine Erfahrung kann ich Projekte in Holz ausführen, an die sich andere nicht mehr herantrauen“, erzählt er nicht ohne Stolz.
„Lederhosenarchitektur“ ist nicht sein Ding. „Das hatte zu seiner Zeit eine Berechtigung. Versucht man das nachzumachen, wird es kitschig.“ Und für Kaufmann zählt die Authentizität. Die Geradlinigkeit und schlichte Schönheit seiner Arbeiten hat zwei Gründe, wie er erzählt. Zum einen sei der Baustoff Holz komplexer zu handhaben als andere. Insbesondere, wenn die Projekte aufwändig sind. Zum anderen entspreche die Rationalität und Klarheit der Formen der Vorarlberger Art des Denkens. „Die Bajuwaren“, schmunzelt Kaufmann, „waren immer schon schmuckbedürftiger als die Alemannen.“ Hinter seinem Stil stecke eine geistige Grundhaltung, denn auch die traditionellen Häuser seien einfach gebaut gewesen.
Ein Ansatz, der dem Zeitgeist entsprechen dürfte, denn im September wurde ihm der finnische Holzarchitekturpreis „Spirit of Nature“ überreicht. Die Jury stützte die Entscheidung auf das Lebenswerk des 1955 geborenen Vorarlbergers, der aus einer alten Zimmermannsfamilie stammt, das von nachhaltigen, schönen und funktionalen Arbeiten geprägt sei.
Die alte Olpererhütte wurde im Jahr 1881 errichtete und gehört zu den frühen Schutzhütten der Ostalpen. Brandschutz- und Behördenauflagen mussten dringend umgesetzt werden. Es zeigte sich, dass dies mit der alten Hütte nicht zu leisten war. Der Alpenverein, Sektion Neumarkt, entschied sich daher für einen Neubau.
Menge und Anzahl der Baumaterialien wurden so gering wie möglich gehalten. Eine Natursteinmauer, die mit Steinen aus dem Hüttenumfeld errichtet wurde, fasst den Bauplatz talseitig als Stützmauer und bildet die Terrasse. Auf die Anforderungen des reinen Sommerbetriebes wurde mit möglichst reduzierter Haustechnik reagiert. Das „Low-Tech“-Gebäude sucht Innovation in der Reduktion. Eine Photovoltaikanlage sowie ein mit Rapsöl betriebenes Blockheizkraftwerk erzeugen den notwendigen Strom und das Warmwasser. Das Abwasser wird in einer vollbiologischen Kläranlage gereinigt. Die Anlage reinigt alle Abwässer der Olpererhütte bis hin zu einer wieder verwendbaren hygienisierten Brauchwasserqualität und ist die erste dieser Art im alpinen Bereich. Im Sommer 2008 wurde die Hütte eröffnet.