Ein Gebäude, das mit seiner Umwelt kommuniziert? Das gibt es tatsächlich mit dem Kunsthaus in Graz. Es ist außerdem ein Spagat zwischen alt und neu, zwischen Beständigkeit und Vision sowie zwischen Architektur und Raum. Und dieser wurde bravourös gemeistert.
Natürlich kommuniziert das Kunsthaus nicht von selbst, so weit sind wir noch nicht. Von Menschenhand computergesteuert nimmt das Gebäude Kontakt zu seiner Umwelt auf.
Eine Außenhaut aus 1200 blauen Acrylglasplatten umschließt die „Wolke“. Jede davon ist, bedingt durch die ungewöhnliche Form des Bauwerkes, ein Einzelstück.
Die Architekten Peter Cook und Colin Fournier ließen eine Symbiose entstehen. Zwischen der denkmalgeschützten Fassade des „Eisernen Hauses“, eine der ältesten Gusseisenkonstruktionen Europas, und dem modernen, von Glas dominierten, organisch geformten Neubau.
Der „Friendly Alien“, wie das markante, den Stadtteil prägende Museum am rechten Murufer genannt wird, ist ein Fremder in seiner Umgebung, die von den charakteristischen roten Ziegeldächern und den Kirchen der Grazer Altstadt – sie ist UNESCO Weltkulturerbe – geprägt ist. Form, Farbe, Architektur und Material treten in Kontrast mit dem Umfeld, lassen aber gleichzeitig beide Seiten profitieren. Eine Symbiose eben. Der Fremde nämlich ist ein sympathischer Geselle, wurde anlässlich der Kulturhauptstadt 2003 errichtet und von der Bevölkerung freundlich willkommen geheißen. „Nur sehr schwache Städte können keine Gebäude mit einer starken Persönlichkeit vertragen“, ließ dazu einst Architekt Peter Cook wissen.
Eingebettet zwischen zwei denkmalgeschützte Barockbauten und dem erwähnten Eisernen Haus, ergab sich ein unregelmäßiger Grundriss mit hohen Ansprüchen an die Architektur. Das Ergebnis beweist, dass ein Dialog zwischen zeitgenössischer Architektur und alter Bausubstanz, zwischen historischem Bewusstsein und Raum für Visionen möglich ist.
Das Kunsthaus ist der bisher größte verwirklichte „Blob“ und spielt mit dem Gegensatz zwischen Offenheit und Geschlossenheit. Von der gläsernen, lichtdurchströmten Lobby, die das Erdgeschoss bildet, geht es mittels Förderband in die geschlossenen Ausstellungsräume, die die hierfür konstanten Bedingungen bieten. Nur die sogenannten „Nozzles“ erlauben einen Blick auf die Außenwelt. Bis auf einen, sind alle dieser „Düsen“ nach Norden ausgerichtet. Ganz oben erreicht man dann die „Needle“, einen scharfkantigen, von der Fassade getragenen Glasgang.
Vollgepackt mit Technik ist die Gebäudehaut. Isolierung, Kühlung, Kabel und mehr finden sich dort. Auf einem Stahlskelett ist die Plexiglas-Hülle montiert. Die Ostfassade fungiert als riesiger Bildschirm. Dafür sorgen 925 ringförmige, handelsübliche Leuchtstoffröhren. Jede davon entspricht einem Pixel. Die Leuchtenhelligkeit ist mit einer Frequenz von 20 Bildern pro Sekunde einzeln und stufenlos ansteuerbar. Grobe Bilder, Texte, Filme und Animationen können so dargestellt werden. Die BIX-Fassade kam erst spät im Planungsprozess hinzu und wurde von den Berliner Architekten „realities:united“ (www.bix.at) entworfen. Spezielle Hard- und Software wurde dazu entwickelt. Das gigantische Licht- und Mediendisplay ist auch ein Versuchsobjekt und wirft die Frage auf, was Architektur alles leisten kann bzw. soll.
Ein unkonventionelles, anspruchsvolles Projekt an einem innerstädtischen Standort. Ein moderner Ausstellungsraum, der kein rechteckiger Betonkasten (mit vielleicht zierender, kreativer Fassade) ist und bei dessen Verwirklichung man teils schier an die Grenze technischer Machbarkeit stieß. Ein Balanceakt zwischen utopischem Traum und geerdeter Pragmatik.
Informationen und viele Bilder in dem Buch: A Friendly Alien. Kunsthaus Graz, Dieter Bogner (Hg.).