Vier Wände, die im rechten Winkel aufeinander treffen und obendrauf ein Dach. Das klassische Konzept eines Gebäudes und die Realität des Steinhauses am Ossiacher See haben ungefähr so viel gemeinsam wie Tag und Nacht. In Österreich lange verschmäht, wird es heute auf der ganzen Welt als Meisterwerk der modernen Architektur beachtet.
Als Ungetüm haben Anrainer und Lokalpolitiker das Bauwerk anfangs oft bezeichnet, lange war es höchst umstritten. Es hat gedauert, bis sich diese Verunsicherung gelegt und die Meinung geändert hat. Abseits von jeglichem urbanem Kontext steht es abgeschieden auf einem Grundstück direkt am See: in seiner Formensprache ebenso kompromisslos wie ausdrucksstark aber eben nicht angepasst. Früher wurde es aus Fotos und Prospekten für die Tourismuswerbung wegretuschiert, inzwischen ist es zum Anziehungspunkt geworden.
1986 wurde mit den ersten Betonarbeiten begonnen. Mehr als 20 Jahre später, im Oktober 2008 war das Gebäude endlich fertig. Ein solches Vorhaben direkt am Ufer des Ossiacher Sees in der beschaulichen Tourismusgemeinde Steindorf umzusetzen, war nicht nur eine finanzielle sondern auch eine bürokratische Herausforderung.
Letztlich hat sich das Durchhaltevermögen von Architekt Günther Domenig bezahlt gemacht. Nach 22 Jahren hat er sein Lebenswerk vollendet und damit ein Baudenkmal geschaffen, das als Schlüsselwerk des Dekonstruktivismus und expressiver Architektur gilt.
„Die Menschen sind nicht viereckig, sie denken auch nicht viereckig und sie fühlen auch nicht viereckig. Sie bilden auch als Gesellschaft nicht Gruppen von Stapelware“, schreibt Domenig, der sein Steinhaus als Gesamtkunstwerk sieht, bei dem er keine Rücksicht auf irgendwelche Auftraggeber nehmen musste. Folglich fühlte er sich bei dem für ihn so lange zentralen Projekt mehr als Künstler und weniger als Architekt.
„Das Steinhaus ist das Ergebnis einer intensiven Selbstreflexion und einer tiefen inneren Erforschung und als solches ist dieses Projekt in jeder Hinsicht die Selbstoffenbarung jenes Träumers, der eine Reise in die Tiefen seiner Seele unternimmt, um Räume zu schaffen, die nur mit Ausdrücken der Poesie erklärt werden können. (…) Indem es ihm mit Erfolg gelingt, eine Brücke zwischen Poesie und räumlicher Erfahrung zu schlagen, verlässt Domenigs Architektur die nüchterne Sachlichkeit und lädt uns zum Träumen ein“, fand Architektenkollege Tom Mayne aus Los Angeles fast pathetische Worte zur Eröffnung im Jahr 2008.
Es ist eine wilde, raue Architektur mit Klüften, Kanten, Höhlen, Felsen, Hügeln und Schluchten, die sich den gängigen Kategorien entzieht. Wie in der Landschaft, an der es sich orientiert, fließt alles ineinander. Es sei der Versuch, eine charakteristische Landschaft mit der archetypischen Architektur in Wechselbeziehung zu bringen, eine Alternative für landschaftsgebundenes Bauen, so Domenig, der das Gebäude auch als gebaute Architektenbiografie sieht. „Der Entstehungsprozess eines Architekturentwurfes und das Ergebnis als Wechselbeziehung zwischen meiner Person und den Erlebnissen, den Lebensgewohnheiten und der Landschaft; die persönliche Existenz, meine Erinnerungen und deren subjektiver Ausdruck.“
Natürliche Steinformationen sowie die landwirtschaftlichen Gebäude des Hochalpenraumes aus Holz und Naturstein bilden laut Domenig die Entwurfsrundlagen des Steinhauses. „Davon zeugen die zerklüftete Polyederaus Stahl, Glas und Beton („Schwebesteine“), spektakuläre Wegeführungen (tiefer und hoher Weg) sowie kristalline -erst nach umfassender Betrachtung begreifbare -geometrische Raumgefüge.“
Das Haus hat vier Ebenen, die man sich aber nicht als klassische Stockwerke vorstellen darf. Vielmehr haben sie eher schwebende Übergänge. Der Spiralraum wurde bis ins Grundwasser abgesenkt und vermittelt ein Gefühl von Geborgenheit und Ruhe. Arbeitsbereiche, Teeküche und „Würfel“ erstrecken sich versetzt über 1. Unter- und Erdgeschoss. „Keil“ und Wintergarten im Erdgeschoss dienen als Ausstellungsräume. In den Obergeschossen befinden sich weitere Arbeitsbereiche. Nur der „Schwebestein 3“ als kompakte Arbeits- und Schlafeinheit ist alleine dem Architekten Günther Domenig vorbehalten. Die Nutzfläche beträgt 650 m².
3 Mio. Euro hat Domenig selbst in das Projekt investiert. Ohne Subventionen und Sponsoren hätte das Steinhaus allerdings nie fertiggestellt werden können. Bund und Land haben mehr als 1 Mio. zugeschossen. Insgesamt beliefen sich die Kosten auf 4 Mio. Euro.
Genutzt wird das Steinhaus derzeit als Ort für Symposien, Ausstellungen, Konzert- und Kulturveranstaltungen, es kann aber auch als Ort für Seminare oder Firmenveranstaltungen gemietet werden. Zudem soll es eine Werkstätte für Architektur sein und so finden sich hier außerdem Arbeitsplätze für bis zu 35 Studenten. Fixe Öffnungszeiten gibt es nicht, Führungen sind nur nach Vereinbarung möglich. Das mag auch damit zusammenhängen, dass sich die öffentlichen Gelder für den Betrieb der Anlage in Grenzen halten.